Windpark Ulrichstein - Erster kommunaler Bürgerwindpark Deutschlands

Der Vogelsberg ist ein herrliches Wandergebiet: Sanfte Hügel wechseln sich ab mit sattgrünen Tälern, die Ausblicke sind fantastisch. Wir sind auf dem Weg zu Hessens höchstgelegener Stadt: Ulrichstein (614 Meter über N.N.). Wer hier wohnt ist heimatverbunden. Und stolz darauf. Das war nicht immer so. In den neunziger Jahren zog es viele nach Frankfurt, die Gemeinde hatte mit erheblichen Schulden zu kämpfen (geringe Gewerbesteuereinnahmen, neun eingemeindete Dörfer). Doch dann kam die Windenergie „ins Dorf“.  In Ulrichstein entstand 1994 der erste kommunale Bürgerwindpark Deutschlands. Dies hat der Gemeinde zu Aufschwung und neuer Beliebtheit verholfen. Ein Gespräch mit dem Bürgermeister Edwin Schneider.

Edwin Schneider, seit 2011 Bürgermeister von Ulrichstein

Der Windpark Ulrichstein war seinerzeit (1995) mit 14 Windenergieanlagen (WEA) der erste kommunale Bürgerwindpark Deutschlands. Wie war damals die Stimmung gegenüber der Windenergie?
Mein Vorgänger Erwin Horst war ein weitsichtiger Mann, er hat die Bürger von Ulrichstein in die Planung und Umsetzung der Windparks rechtzeitig miteingebunden. So konnte sich jeder über das gesamte Projektvorhaben informieren und daran beteiligen. Dementsprechend war die Akzeptanz in unserer Gemeinde sehr hoch. Überdies war allen klar, dass die Einnahmen aus den Windenergieanlagen auf lange Sicht die Schuldenlast drücken würden.

 

Was haben Sie für die positive Wahrnehmung der Windenergie getan?
Ulrichstein wurde in den 90er Jahren zur ersten deutschen Stadt, die rein kommunale Windparks betrieb. Insgesamt 53 kommunale und private Windkraftanlagen stehen rund um unsere beschauliche Stadt. Vor allem die geographischen Voraussetzungen sind optimal. Überdies waren wir ein Leuchtturmprojekt. Innerhalb der letzten 25 Jahre besuchten uns zahlreiche bekannte Politiker, wie etwa Jürgen Trittin, Joschka Fischer, Volker Bouffier. All das förderte die Akzeptanz enorm, ebenso wie eine positive Berichterstattung. Noch 2019 wurde die komplette Hessenschau live aus Ulrichstein gesendet. Der Moderator hat den Bürgermeister sogar hoch oben auf einem Windrad interviewt. Und unser Stadtrat Erwin Momberger führt bis heute jedes Jahr interessierte Gruppen durch die Windparks – selbst der Gouverneur von Papua-Neuguinea war mit einer Delegation bei uns im Vogelsberg. Auch unser Windlehrpfad war immer gut besucht, viele Schulklassen sind dafür in den Vogelsberg gereist.

Inwieweit profitierte die Gemeinde von den Anlagen? Nennen Sie uns konkrete Projekte
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass wir mit WEA-Einnahmen in allen zentralen Bereichen Investitionen tätigen konnten: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Kultur, Natur sowie medizinische Versorgung. So wurde ein Naturbiotopschwimmbad errichtet, acht von neun Dorfgemeinschaftshäuser saniert, ein neuer Brunnen gebohrt, das Rathaus mit Innovationszentrum neu errichtet. Nachdem wir viele Jahre mit nur noch einem niedergelassenen Arzt auskommen mussten, kaufte die Gemeinde im letzten Jahr zudem ein Haus und baute es zu einer Arztpraxis für einen Allgemeinmediziner um.

 

Im Sommer 2018 hatte Ulrichstein unter massiver Trockenheit zu leiden, haben die Bürger*innen begriffen, dass dies dem Klimawandel geschuldet ist?

Bei allen Gesprächen zu diesem Thema erwähne ich immer wieder, dass der Klimawandel im Vogelsberg angekommen ist. Dies haben fast alle Einwohner begriffen. In 2018 mussten wir täglich über sechs Monate 40 bis 60 Kubikmeter Wasser mit Tanklastern von anderen Brunnen in die Kernstadt karren lassen. Kostenpunkt: 60.000 Euro. Allen war klar: so konnte es nicht weitergehen. Also haben wir einen neuen Brunnen errichtet. Dafür mussten wir 200 Meter in die Tiefe bohren. Kostenpunkt: eine Million Euro, für rund 1.000 Einwohner (Kernstadt, Anm. d. Red.). Dennoch wird der Brunnen unseren Wassermangel langfristig nicht beheben. Ein Drittel der Trinkwasserversorgung der Stadt Frankfurt bzw. das Rhein-Main-Gebiet kommt aus dem Vogelsberg. Noch dazu für die Hälfte des Preises, den wir hier zahlen müssen. Ohne die Windparks hätten wir all das finanziell nicht stemmen können.

Hat es die Akzeptanz für die Windkraft gestärkt?
Die Proteste gegen WEA, wie wir sie vor sechs Jahren in unserer Gemeinde hatten, sind definitiv abgeflacht. Defizite, die aufgrund unserer hohen Wasser- und Abwassergebühren entstehen, können wir auch mittels Einnahmen aus Windenergieanlagen ausgleichen. Ansonsten wären die Gebühren noch höher. Das haben die Menschen hier verstanden.

Wie ist die finanzielle Situation der Gemeinde heute?
Zum Glück verfügen wir über einen der besten Windstandorte Hessens – im Binnenland gibt es kaum einen besseren als das Ulrichsteiner Kreuz. Unser ehemaliger Bürgermeister Erwin Horst legte damals fest: Betreiber müssen ihren Sitz in Ulrichstein haben, sodass die Gewerbesteuereinnahmen am Standort bleiben. Unsere Gemeinde selbst hat in den letzten Jahren noch 14 WEA selbst betrieben. Die daraus generierten Gewinne beliefen sich auf rund 500.000 Euro. 2020 beliefen sich die Erträge mit weiteren Pacht- und Steuereinahmen sogar auf knapp eine Million. Doch dies wird sich nun dramatisch ändern.

Weil für etliche WEA die EEG-Förderung ausläuft?
Ja, da Situation ist dramatisch. Bis Ende des Jahres werden rund die Hälfte aller WEA in der Region verkauft sein, da deren EEG-Förderung ausläuft und sie nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Zwei Bürgerwindparks wird es dann leider nicht mehr geben. Sechs WEA wurden bereits verkauft, acht weitere folgen. Mit dem Erlös beteiligen wir uns an neuen WEA nach dem Repowering. Allerdings werden es nur sechs Anlagen sein, wir gehen von rund 150.000 Euro Ertrag aus. D. h die anfallenden Kosten der Gemeinde werden wir nicht decken können, weil uns jährlich 350.000 Euro fehlen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um die hessischen Energieziele – bis 2050 zu 100% Erneuerbare –tatsächlich zu erreichen?
Die windhöffigen Gebiete in Hessen sollten freigegeben werden für die naturnahe Windenergienutzung. Insgesamt müssen mehr Flächen bereitgestellt werden, insbesondere für Repowering-Vorhaben. Überdies sollten Genehmigungsverfahren beschleunigt und Hürden abgebaut werden. Ansonsten erreichen wir die von der Landesregierung gesetzten Klimaziele keinesfalls.

Welche Tipps für eine gelungene Energiewende bzw. mehr Akzeptanz können Sie anderen Kommunen mit auf den Weg geben?
Meines Erachtens braucht es für eine breite Akzeptanz der Erneuerbaren innerhalb der Gesellschaft zwingend autarke Kommunen. D.h. Vorort erzeugt, Vorort genutzt. Dies würde Energie auch wesentlich günstiger machen. Ebenso sind neue und bessere Speicherlösungen unabdingbar.

53 WEA

3 Bürgerwindparks

Über 140.000 Megawattstunden versorgen 45.000 Haushalte

CO2-Einsparung von 85.000 Tonnen