FOCUS online Earth: Frau Heidebroek, Sie sind Präsidentin des größten deutschen Windenergieverbands. Wenn Sie auf den derzeitigen Stand des Windkraft-Ausbaus in Deutschland blicken – was empfinden Sie da?
Heidebroek: Einerseits Zufriedenheit, weil wir in diesem Jahr wirklich sehr viele Genehmigungen hatten. Wir haben die letzten Jahre immer gegen zu lange Genehmigungszeiten und aufwändige Genehmigungsprozesse gekämpft, was insgesamt dazu geführt hat, dass zu wenig gebaut wurde. Da ist mit der Ampel-Regierung wirklich ein Knoten geplatzt. Das ist gut. Allerdings ist der Knoten so doll geplatzt, dass wir jetzt mehr als doppelt so viele Genehmigungen haben, wie es staatliches Ausschreibungsvolumen gibt. Das führt natürlich zu heftigem Preisdruck.
FOCUS online Earth: Windenergieanlagen an Land müssen an den Ausschreibungen teilnehmen, um die sogenannte Marktprämie vom Staat zu erhalten. Das EEG-Gesetz, das die Ausschreibungen regelt, muss nach einer Vorgabe der EU bis zum 1. Januar 2027 reformiert werden. Derzeit sieht es aber nicht so aus, als würde die Bundesregierung das hinbekommen. Wie nervös macht Sie das?
Heidebroek: Die ganze Branche ist derzeit unheimlich verunsichert, und wir sorgen uns alle, dass das alles bis zum 1. Januar nicht mehr klappen könnte. Wenn wir kein neues EEG haben, dann haben wir auch erstmal keine Ausschreibungen mehr. Und das wäre für die Branche – und die deutsche Energieversorgung – natürlich eine Katastrophe.
FOCUS online Earth: Was würde denn konkret passieren, wenn sich das EEG-Gesetz verzögert?
Heidebroek: Ohne neue Ausschreibungen können in der Regel keine neuen Projekte realisiert werden. Das liegt daran, dass man nach heutigem Stand ohne die EEG-Absicherung keine Finanzierung von der Bank bekommt. Für die Bank ist die Vergütung immer eine wichtige Sicherheit, weil wir im Windbereich ja sehr, sehr lange Finanzierungsdauern von mindestens 15 Jahren haben. Ohne neues EEG können wir also die Projekte nicht finanzieren, wir können nicht weiter zubauen, wir können praktisch nur noch das abarbeiten, was wir aus den Vorjahren haben. Uns droht tatsächlich eine größere Katastrophe als 2017. Wir sehen jetzt schon die ersten Entlassungen in der Branche.
FOCUS online Earth: Was war denn 2017?
Heidebroek: Damals wurde das Vergütungssystem geändert, plötzlich gab es die Ausschreibungen, an denen man teilnehmen musste. Damit einher ging eine strikte Mengenregulierung, die den Zubau bremsen sollte und zunächst die Vergütungssätze extrem in den Keller trieb. Die Folge war ein absoluter Zubau-Stopp. Es hat fünf, sechs Jahre gedauert, bis sich die Branche wieder erholt hat. In Anlehnung an den damaligen Wirtschaftsminister nennen wir das heute die Altmaier-Delle (lacht).
FOCUS online Earth: Aber warum braucht es diese staatliche Vergütung überhaupt? Lohnt sich Windenergie nicht schon längst auch ohne? Wieso muss der Staat da überhaupt noch etwas bezuschussen?
Heidebroek: Es lohnt sich, klar. Es geht hier auch nicht um eine Subvention, die brauchen wir tatsächlich nicht. Aber wir haben viele Mittelständler in der Branche und bei denen braucht es einfach eine Sicherheit für die Bank. Man könnte solche Kredite auch anders absichern, etwa mit langfristigen Stromabnahmeverträgen. Aber das ist komplizierter und die Banken sind das im Windenergie-Bereich auch nicht gewohnt. Durch die EEG-Vergütung hat eine Bank bei so einem Kredit kaum Risiko. Das senkt die Fremdkapitalzinsen und hat in Deutschland eine breite Akteursvielfalt ermöglicht. Gleichzeitig wurde viel Kapital aktiviert, dass für die Energiewende auch erforderlich ist.
FOCUS online Earth: Nicht nur Sie sind der Meinung, dass der Bund mehr Windkraft-Kapazitäten zur Ausschreibung freigeben muss – auch Energieexperten und die Bundesländer fordern das. Hätten Sie mal gedacht, dass ausgerechnet Bayern als einer der engagiertesten Kämpfer für die Windkraft an Ihrer Seite stehen würde? Nachdem man den Ausbau dort jahrelang verschleppt hatte?
Heidebroek: Ich habe immer gesagt, dass Bayern ohne Windkraft nicht auskommen wird. Wenn wir keine Atomkraft und keine Kohle mehr haben, ist es keine gute Idee, nur auf Solarenergie zu setzen – denn nachts ist es dunkel und es gäbe keinen Strom. Fest steht: Die Energiewende wird nur mit beidem funktionieren, also Wind plus Solar. Aber man kann immer nur hoffen, dass sich die politische Erkenntnis dann wirklich einstellt. Von daher freut es mich natürlich, dass Bayern da eine Kehrtwende hingelegt hat. Auch bei den Genehmigungszeiten ist Bayern sehr, sehr gut geworden und hat seine Flächen schon ausgewiesen. Da will man dann natürlich auch die Windkraftanlagen haben. Auch der Druck der Industrie spielt eine Rolle – die ist beim Thema Dekarbonisierung und erneuerbarem Strom oft schon einen Schritt weiter als die Politik.
FOCUS online Earth: Egal ob EEG oder die Ausschreibung neuer Gaskraftwerke - bis zum Sommer sollten die großen Energie-Vorhaben der Bundesregierung eigentlich alle umgesetzt sein. Jetzt haben wir Juli und Ende der Woche beginnt die parlamentarische Sommerpause. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das alles noch rechtzeitig kommt?
Heidebroek: Wir sagen: Es muss kommen. Wenn sie das komplette EEG nicht schaffen, dann sollte man schauen, ob man zumindest nicht eine kleine EEG-Novelle machen kann. Wenn es in der Sommerpause einen Kabinettsbeschluss gibt, kann man das parlamentarische Verfahren direkt im Herbst starten und auch theoretisch gleichzeitig die Genehmigung der EU beantragen. Aber es wird wirklich knapp. Das ist schon ein gravierendes Problem.
FOCUS online Earth: Wirtschaftsministerin Reiche hat bereits versprochen, dass sie Tempo machen will. Andererseits sind viele ihrer Vorhaben umstritten: Etwa das sogenannte Netzpaket, das Anschlüsse an das überlastete deutsche Stromnetz zur Not verhindern will – das Sie aber sogar für rechtswidrig halten. Wie soll da eine schnelle Umsetzung gelingen?
Heidebroek: Ja, da sind wir sehr gespannt. Wenn man überlegt: Den ersten Leak zum Netzpaket gab es im Januar. Danach gab es viele Vorschläge und Diskussionen, aus allen möglichen Ecken, nicht nur von uns. Aber im zweiten Entwurf aus dem April haben wir keinerlei Änderung gesehen.
FOCUS online Earth: Haben Sie das schon mal erlebt? Dass Sie derart abprallen?
Heidebroek: Nein. Ich habe es noch nie erlebt, dass man mit einem Wirtschaftsministerium und einer Ministerin so wenig in Dialog treten kann. Dabei stehen viele Dinge, über die wir schon seit Monaten sprechen, so ja auch im Koalitionsvertrag: Die Digitalisierung der Netze etwa, oder der Smart-Meter-Ausbau, oder die Rolle der Batteriespeicher. Wir hoffen, dass durch die Beschlüsse des Koalitionsausschusses hier jetzt Bewegung reinkommt.
FOCUS online Earth: Die Koalition hatte letzte Woche vereinbart, den Ausbau der Netze zu beschleunigen und stärker zu digitalisieren. Auch der lange verschlafene Smart-Meter-Ausbau soll mehr Tempo aufnehmen.
Heidebroek: Die Beschlüsse sind ein erstes wichtiges Signal. Aber bei all diesen Fragen wissen wir dennoch nicht so richtig, ob das im Wirtschaftsministerium eigentlich wirklich gehört und aufgenommen wird. In den Gesetzesentwürfen finden wir davon bislang jedenfalls wenig. Ohnehin braucht es mehr Dialog zwischen Ministerium und Energiewirtschaft. Den hatten wir bei Robert Habeck, aber auch bei Peter Altmaier. Daran fehlt es jetzt und das ist wirklich sehr bedauerlich.
FOCUS online Earth: Das heißt, Sie kriegen bei Frau Reiche einfach keinen Termin? Das wäre ungewöhnlich für die Chefin eines so großen Verbands. War das unter Vorgänger Robert Habeck anders?
Heidebroek: Ja, bei Herrn Habeck war das anders. Er hat zum Beispiel einen großen Netzgipfel veranstaltet, wo sich alle Beteiligten einfach mal im Wirtschaftsministerium an einen Tisch gesetzt haben. Das ist bei so einem komplexen Thema wirklich wichtig. Herr Habeck hat natürlich längst nicht alles gemacht, was wir uns gewünscht haben – das musste er nicht und das verlangen wir auch nicht. Aber er hat der Branche zumindest zugehört. Jetzt haben wir wirklich die Situation, dass diese Dialogebene fehlt.
FOCUS online Earth: Wie oft haben Sie Frau Reiche schon treffen können seit ihrem Amtsantritt im Mai 2025?
Heidebroek: Es gibt einen Austausch mit dem Ministerium, der Abteilungsleiterebene und natürlich dem sehr rührigen Staatssekretär Frank Wetzel. Die Ministerin selbst habe ich persönlich ein einziges Mal getroffen, ich glaube, das war fünf Wochen nach ihrem Amtsantritt. Auch anderen Verbänden, die für erneuerbare Energien eintreten, geht es so. Das finde ich einfach schade: Politik braucht den Diskurs und den persönlichen Austausch von Argumenten. Das fehlt.
FOCUS online Earth: Nicht wenige Experten stimmen allerdings Reiches Problemdiagnose zu: Die Systemkosten der Energiewende sind hoch. Für den Wirtschaftsstandort ist das ein Problem, für die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung ist es gefährlich.
Heidebroek: Wir können die Motivation verstehen, denn es gibt ja wirklich Gebiete, in denen die Netze jetzt schon überlastet sind. Aber als Branche sind wir uns einig, sowohl mit einem Großteil der Netzbetreiber als auch mit den Unternehmensverbänden und Stromerzeugern: So, wie das Netzpaket aktuell gestaltet ist, ist es nicht tragfähig. Das Paket will Netze abriegeln, weil das Argument ist: Wir haben zu viele erneuerbare Energien. Wir sagen: Wir haben zu wenig Kapazitäten in den Netzen. Das ist ein fundamentaler Unterschied. So lange wir fossile Energien für 100 Milliarden Euro im Jahr importieren, kann mir keiner erzählen, dass wir zu viel heimische Energie haben.
FOCUS online Earth: Aber was schlagen Sie vor? Die Netze noch stärker auszubauen klingt logisch – aber es dauert auch lange. Und es kostet.
Heidebroek: Es gibt ja Vorschläge aus der Branche. Zum Teil sind das Vorschläge, die der Branche durchaus wehtun würden, aber mit ihnen würde das Netz besser ausgelastet werden. Da lässt sich noch viel herausholen. Bisher ist es zum Beispiel so, dass in Situationen, in denen die Netze überlastet sind, nicht die Einspeisung des Stroms abgeriegelt wird, sondern schon seine Erzeugung. Dabei kann es dem Netz eigentlich total egal sein, wenn ich den Strom nicht einspeise und stattdessen selbst nutze – etwa für einen angeschlossenen Industriebetrieb, zur Speicherung in meiner Batterie oder zur Herstellung von Wasserstoff.
FOCUS online Earth: Der Erzeuger darf also mit seinem Strom gar nicht machen, was er will?
Heidebroek: Nein. Dabei wäre es sinnvoll, wenn er das dürfte, solange er den Strom nicht einspeist. Wir müssen außerdem darüber sprechen, wie man die vorhandenen Netze besser auslasten könnte, etwa durch stärkere Digitalisierung oder die Kombination mit Speichern. Eben erst hat eine Analyse des Fraunhofer-Instituts gezeigt, dass der schnelle Zubau neuer Stromspeicher im deutschen Energiesystem für Milliardeneinsparungen sorgen könnte. Ein flächendeckender Ausbau der Netze auf Maximalkapazitäten ist also nicht nötig. Es ergibt ja auch gar keinen Sinn, das Netz bis auf die letzte Kilowattstunde auszubauen. Das wäre irre, das kann sich kein Mensch leisten. Wichtig ist, dass wir jetzt digitalisieren, dass wir endlich mit dem Smart-Meter-Rollout hinterherkommen, Speicherkapazitäten erhöhen und die Netze gezielt dort ausbauen, wo es notwendig ist.
FOCUS online Earth: Das klingt allerdings nach einem fundamental anderen Ansatz als dem von Frau Reiche. Die spricht in ihren öffentlichen Auftritten viel von Gaskraftwerken und der Notwendigkeit von „gesicherter Leistung“, wenig von Digitalisierung und Speichern und Smart-Metern. Wie groß ist da die Diskrepanz?
Heidebroek: Ich glaube, Frau Reiche ist ein Stück weit noch in der alten Energiewelt verhaftet, wo es große einzelne Kraftwerke gab und wir diese Grundlast auch gebraucht haben. Wenn man aus dieser Welt kommt, fehlt natürlich ein bisschen das Vertrauen in fluktuierende Energie und darin, dass man das hinbekommen kann. Ich sage auch nicht, dass wir gar keine Gaskraftwerke brauchen. Ich sage bloß: Lasst uns erst mal Flexibilitäten schaffen, etwa durch Biogasanlagen, die ja auch Regelenergie zur Verfügung stellen können. Und wenn wir dann merken, wir brauchen noch Gaskraftwerke, dann gerne. Aber deshalb das gewaltige Potenzial der Erneuerbaren ungenutzt zu lassen und eine Windenergieanlage abzuschalten, ist ökonomisch einfach unsinnig. Denn sie könnte in der Zeit ja Energie produzieren. Es frustriert mich, dass die vorgeschlagenen Lösungen so unkreativ sind.
FOCUS online Earth: Ist das, was derzeit beim Windkraftausbau in Nord- und Ostsee passiert, ein Warnsignal? Seit 2024 gab es für die sogenannte „Offshore“-Windkraft keine erfolgreiche Ausschreibung mehr in Deutschland. Unternehmen wie Total Energies und BP erwägen sogar, ihre bereits ersteigerten Flächen zurückzugeben. Was ist da los?
Heidebroek: Ich glaube, einige haben sich einfach ein bisschen verzockt. Die haben auf steigende Strompreise gesetzt, die nicht kommen, und jetzt fürchten sie, dass es sich nicht mehr rentiert. Dass es zuletzt keine Ausschreibungen mehr gegeben hat, liegt auch am Design der Ausschreibungen – etwa daran, dass die Flächen sich untereinander „verschatten“ und sich gegenseitig den Wind wegnehmen. In Großbritannien hat die Politik sehr schnell auf derartige Probleme reagiert, ein Gipfeltreffen einberufen und ein neues Modell erarbeitet. Danach gab es auch wieder eine erfolgreiche Ausschreibung. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Momentan bauen Netzbetreiber wie 50 Hertz gerade aufwändige Anschlüsse für Parks, die es Stand jetzt vielleicht nie geben wird.
FOCUS online Earth: Ministerin Reiche hatte im letzten Jahr angekündigt, man werde sich die Ausschreibungen noch einmal ganz genau ansehen. Hat sich seitdem etwas getan?
Heidebroek: Nein, es ist nichts passiert. Man hat lediglich entschieden, dass man vorerst lieber gar keine Ausschreibungen macht, weil man natürlich befürchtet, dass die wieder ins Leere laufen würden.
FOCUS online Earth: Dabei spielt die „Offshore“-Windenergie in der deutschen Energiestrategie eine Schlüsselrolle. Zusammen mit anderen Anrainerstaaten will die Bundesregierung die Nordsee zum größten Kraftwerk der Welt machen.
Heidebroek: Es muss sich etwas ändern. Ich erwarte, dass die Bundesregierung handelt. Denn sie will ja „Offshore“ fördern, das hat sie immer betont. Im Januar war das große Gipfeltreffen zur Nordsee mit den anderen Staaten, auf dem Herr Merz und Frau Reiche betont haben, wie wichtig die Windenergie auf See sei. Zwei Tage später wurde der Netzpaket-Gesetzesentwurf bekannt, der den Ausbau der Windenergie auf See und an Land abzuwürgen droht. Das fand ich schon sehr merkwürdig.

