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Pressemitteilung

Heidebroek-Interview: „Netzanschlusspaket und EEG-Novelle würden die Strompreise erhöhen”

Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), Bärbel Heidebroek, spricht im Interview mit t-online (2. November 2026) über die Auswirkungen der schwarz-roten Pläne für EEG-Novelle und Netzanschlusspaket auf die Strompreise, die Bedeutung der Windenergiebranche als Arbeitgeber und die drohende Gefahr der technologischen Abhängigkeit von China. Die Fragen stellte Amy Walker.

t-online: Frau Heidebroek, im Bundestag wird gerade über zwei wichtige Energiegesetze entschieden, die Ihre Branche neu aufstellen sollen. Warum sollte das den normalen Bürger interessieren?

Heidebroek: Es sollte alle interessieren, weil die Energiewende für jeden von uns eine Rolle spielt. Wir wissen alle, dass der Strombedarf zunimmt – selbst Katherina Reiche hat das zugegeben. Wir sind mitten in der Elektrifizierung, wir brauchen mehr Strom. Deshalb brauchen wir auch erneuerbare Anlagen, die diesen herstellen.

t-online: Woher der Strom kommt, ist vielen Bürgern egal. Wichtiger dürfte sein, was er kostet.

Heidebroek: Absolut! Die von Frau Reiche vorgelegten und im Kabinett beschlossenen Gesetze – das Netzanschlusspaket und die EEG-Novelle – würden die Strompreise allerdings erhöhen. Wir hoffen deshalb auf Korrekturen der Gesetze im Bundestag.

t-online: Warum werden die Preise steigen?

Heidebroek: Weil durch die Gesetze Investitionskosten steigen würden, Projekte nicht realisiert werden könnten und dadurch Kapital vernichtet würde. Das führt zu weniger Windenergieausbau und somit weniger verfügbarem Strom. Was in den letzten Jahren an der Tankstelle passiert ist – erst mit dem Überfall auf die Ukraine, dann mit dem Iran-Krieg – hat den Menschen gezeigt, wie abhängig wir von fossilen Importen sind und dass das sowohl ein strategisches als auch ein preisliches Risiko ist. Die einzige Möglichkeit, davon unabhängig zu werden, sind für Deutschland die erneuerbaren Energien. Der Ausbau der Erneuerbaren ermöglicht langfristig sinkende Stromkosten. Bereits während der aktuellen fossilen Energiekrise konnte unser Erneuerbaren-Sektor die Strompreise stabilisieren, während etwa die Gaspreise stark angestiegen sind.

t-online: Die erneuerbaren Energien werden staatlich gefördert, und deren Integration ins Stromsystem kostet auch Geld. Deutschland hat trotz einer hohen Erneuerbaren-Quote die höchsten Strompreise der Welt. Wie können Sie da sagen, dass erneuerbare Energie Strom günstig macht?

Heidebroek: Natürlich war das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), als es vor 25 Jahren eingeführt wurde, ein Preisstützungsinstrument für erneuerbare Energien – so macht man es bei jeder neuen Technologie, damit sie im Markt ankommt. Und ja: Aus dieser Zeit bestehen noch Altlasten, vor allem für die privaten Solaranlagen, die 20 Jahre lang eine feste Einspeisevergütung erhalten. Die brauchte man auch, denn die Module kosteten damals deutlich mehr als heute. Die Technologie war insgesamt teurer, deswegen brauchte man eine entsprechende Förderung. Das EEG aber war ein Erfolg und hat für Deutschland enorme Fortschritte beim Ausbau der Erneuerbaren erzielt. Wenn wir heute also über die EEG-Kosten sprechen, dann handelt es sich größtenteils um Altlasten, die man durch keine Gesetzesänderung rückwirkend ändern kann. Sobald diese Altlasten weg sind, werden die Strompreise sinken und die Erneuerbaren ihre Stärken voll ausspielen können.

t-online: Wenn das so ist: Warum sind Sie gegen ein Auslaufen der Förderung für Erneuerbare?

Heidebroek: Wir brauchen keine Förderung. Wir werden bereits heute nicht mehr im klassischen Sinne gefördert, sondern erhalten eine Investitionsabsicherung. Windparkbetreiber sind sehr oft Mittelständler – Unternehmen, die in den vergangenen 25 Jahren gewachsen sind. Ich habe selbst ein Unternehmen aufgebaut, das bis heute 200 Arbeitsplätze geschaffen hat, wo vorher keine waren. Als Mittelstand muss man seine Projekte über die Bank finanzieren. Die Laufzeit für so einen Kredit beträgt mindestens 15 Jahre. In dieser Zeit brauchen Banken eine Absicherung. Das EEG garantiert einen Mindesterlös, falls alle Stricke reißen sollten. Windparkbetreiber erzielen in der Regel deutlich höhere Erlöse und können die Kredite so bedienen. Diese Erlöse sind aber, wie immer am freien Markt, nicht garantiert. Deshalb ist das EEG als Absicherung sinnvoll. Gleichzeitig fordern wir besseren Marktzugang für Windenergie, um künftig noch unabhängiger von staatlichen Garantien zu werden. Leider greift Frau Reiches Gesetzesentwurf hier viel zu kurz.

t-online: Warum sollte der Steuerzahler für diese Garantie bezahlen? Das passiert doch in anderen Branchen auch nicht.

Heidebroek: Wenn man das EEG jetzt plötzlich fallen ließe oder Vergütungszusagen für geplante Projekte rückwirkend aufkündigte, wie es mit dem Netzanschlusspaket der Bundesregierung droht, würden große Finanzierungsrisiken entstehen. Gegen diese sichert sich eine Bank mit höheren Zinsen ab – die am Ende in den Strompreis einfließen und diesen weiter ansteigen lassen. Das ergibt volkswirtschaftlich keinen Sinn, vor allem in der aktuellen Lage.

t-online: Sie sagen, die Windbranche ist mittelständisch geprägt. Von wie vielen Arbeitsplätzen sprechen wir denn?

Heidebroek: In der Windbranche zählen wir insgesamt etwa 170.000 Arbeitsplätze. Viele davon sind direkt in der Windenergieindustrie beschäftigt, also bei den Herstellern von Windkraftanlagen, die noch hauptsächlich deutsch oder europäisch sind. Das ist der Unterschied zur Solarbranche, die Deutschland nahezu komplett an China abgegeben hat. Und es ist ein gewaltiger Unterschied zur fossilen Energiewelt, die fast vollständig von einigen wenigen Konzernen geprägt ist und wo deutsche Gelder vor allem ins Ausland fließen, ohne bei uns für lokale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu sorgen.

t-online: Stichwort China: In der Solarbranche sind wir in Europa mittlerweile komplett abhängig von chinesischen Bauteilen. In Sicherheitskreisen wächst die Sorge vor Hackern, die das Stromnetz aus der Ferne lahmlegen könnten. Wie verhindert man eine ähnliche Entwicklung in der Windbranche?

Heidebroek: Indem wir sicherstellen, dass unsere heimischen Unternehmen hier vor Ort gute Rahmenbedingungen haben. Wenn die Finanzierungskosten für unsere Hersteller zu hoch werden, können chinesische Hersteller in den Markt drängen und – wie schon damals bei der Solarbranche – die europäischen Hersteller systematisch unterbieten und aus dem Markt drängen. Das muss die Bundesregierung als sicherheitspolitisches Risiko erkennen.

t-online: Auch Kommunen bauen mittlerweile eigene Windparks oder arbeiten zumindest intensiv mit Investoren zusammen, um daraus Einnahmen zu generieren. Wie verändert das die Branche?

Heidebroek: Mit dem EEG 2023 wurde der umgangssprachlich so genannte Windeuro eingeführt, der es Kommunen ermöglicht, an den Erlösen der Windenergie vor Ort mitzuverdienen. Pro eingespeiste Kilowattstunde sind es 0,2 Cent, die an die angrenzende Kommune gehen. Das ermöglicht Kommunen, Strom aus ihrem Windpark günstiger anzubieten als anderswo und schafft so Standortvorteile. Zudem sind es häufig Kommunen im ländlichen Raum, die sonst relativ wenig Einkommensmöglichkeiten haben, die davon profitieren. Das schafft Wertschöpfung und kann zum Beispiel helfen, vor Ort die Kinderbetreuung oder ein Schwimmbad zu finanzieren.

t-online: Vor allem in den nord- und ostdeutschen Bundesländern, wo viele Windkraftanlagen stehen, ist allerdings der Widerstand gegen den Ausbau groß.

Heidebroek: Deshalb sind wir sehr dafür, dass der Ausbau wirklich flächendeckend und ausgeglichen über ganz Deutschland passiert. Natürlich kann man verstehen, wenn die Menschen sagen: Warum allein bei uns? Vor allem in der Zeit, bevor es die finanzielle Beteiligung für Kommunen gab, hatten viele Menschen das Gefühl, wenig von der Windenergie zu haben. Aber der Widerstand wurde auch ganz klar parteipolitisch instrumentalisiert, jenseits von sachlichen Argumenten. Dagegen wollen wir mit frühzeitigem Dialog, transparenter Kommunikation und Beteiligungsmodellen ankämpfen.

t-online: Sie spielen auf die AfD an. Wie gefährlich kann eine AfD-geführte Landesregierung, wie sie in Sachsen-Anhalt nun droht, für die Windbranche vor Ort werden?

Heidebroek: Die meisten Gesetze, die uns regulieren, sind Bundesgesetze – die kann ein einzelnes Land nicht einfach aushebeln. Aber natürlich kann eine Landesregierung dennoch vieles erschweren: indem sie Flächenausweisungen verhindert, die Kommunen anweist, mehr Restriktionen zu erlassen, die Bürokratie erhöht oder indem sie Transporte verlangsamt. Eine Landesregierung kann den Ausbau also nicht verhindern, aber sie kann ihn deutlich erschweren.

t-online: Besprechen Sie schon mit Branchenvertretern in Sachsen-Anhalt, wie Sie mit der neuen Landesregierung umgehen sollen?

Heidebroek: Erst mal müssen wir sehen, welche Landesregierung wirklich zustande kommt und welche Maßnahmen sie ergreift. Aber natürlich werden wir versuchen, den Ausbau auch dort weiter zu forcieren und immer wieder aufzuzeigen, wie sehr das Land davon profitiert. Wenn man an die Direktversorgung von Industrieunternehmen denkt, sind auch andere hochwertige Arbeitsplätze vom Ausbau der Windenergie abhängig. Es muss dem Land daran gelegen sein, dass die Menschen vor Ort eine wirtschaftliche Zukunft haben und nicht weggehen. Deshalb versuchen wir immer wieder deutlich zu machen, welche Bedeutung die erneuerbaren Energien für den Wirtschaftsstandort haben.

t-online: Wie läuft denn der Austausch bisher mit AfD-Vertretern? Es gibt ja auch Bürgermeister aus der Partei.

Heidebroek: Austausch bedeutet immer, sich gegenseitig zuzuhören und ernsthafte Argumente vorzubringen. Wenn jemand aber den Klimawandel leugnet und die Erneuerbaren als Energiequelle grundsätzlich ablehnt – na ja, dann ist die Diskussion relativ schnell zu Ende. Aber natürlich gibt es auch positive Beispiele von AfD-Bürgermeistern, die von der Windenergie profitieren möchten. Dort suchen wir und unsere Mitgliedsunternehmen das Gespräch. Man muss unterscheiden zwischen denen, die uninformiert und deshalb zögerlich sind, und denen, die an einer Diskussion kein Interesse haben und Falschinformationen verbreiten.

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Maximilian Braunwarth

Maximilian Braunwarth

Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE)

Ansprechpartner für Pressefragen | Mobilnr.: +49 151 20363558

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