Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), Bärbel Heidebroek, spricht im Interview mit der taz (4. Oktober 2026) über die gefährlichen Auswirkungen der schwarz-roten Pläne für EEG-Novelle und Netzanschlusspaket und die nun dringend nötigen Korrekturen an den Gesetzesvorhaben. Die Fragen stellte Anja Krüger.
taz: Frau Heidebroek, Sie warnen davor, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Ausbau der Windenergie mit zwei zentralen Vorhaben ausbremst: mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und mit dem sogenannten Netzpaket. Diese Woche finden die Fachanhörungen im Bundestag dazu statt, Mitte Oktober sollen sie verabschiedet werden. Was ist das Problem?
Heidebroek: Bundeswirtschaftsministerin Reiche sagt, mit den Gesetzespaketen werde die Energiewende kosteneffizient gemacht und man wolle den Ausbau der Erneuerbaren auf keinen Fall bremsen. In Wahrheit geschieht aber das Gegenteil: Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag, wie eine sinnvollere Nutzung der Netze oder mehr Digitalisierung, fehlen in ihren Gesetzentwürfen. Stattdessen heißt es nun: Es gibt bestimmte Gebiete, in denen der Netzausbau nicht ausreichend stattgefunden hat. In diesen sollen Windenergieanlagen bei einer Abschaltung keine Entschädigung mehr wie bisher bekommen. Der erfolgreiche Windenergieausbau wird also bestraft, weil der Netzausbau nicht Schritt gehalten hat.
taz: Das ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt, einer der umstrittensten Punkte der Energiereform: Heute bekommen Windradbetreiber:innen eine Entschädigung, wenn die Anlage abgestellt wird, etwa weil das Netz keinen Strom mehr aufnehmen kann. Das soll sich ändern. Warum ist das schlecht?
Heidebroek: Dann werden Windenergieanlagen unwirtschaftlich. Wenn Betreiber:innen auf bis zu 20 Prozent der Einnahmen ersatzlos verzichten müssen, können viele Projekte nicht mehr realisiert werden. Denn Banken sind dann nicht mehr bereit, sie zu finanzieren. Außerdem soll es bundesweit eine sogenannte Wirkleistungsbegrenzung geben. Das heißt, es soll nicht mehr die gesamte Kapazität eines Windparks ans Netz angeschlossen werden dürfen. Das soll schon ab 2027 gelten, also auch für Projekte, die unter anderen Voraussetzungen geplant und finanziert wurden. Wenn Gesetze rückwirkend in Investitionen eingreifen, dann bekommen wir eine absolute Investitionsunsicherheit. Das ist nicht akzeptabel.
taz: Aber muss das Problem der fehlenden Netzkapazitäten nicht gelöst werden?
Heidebroek: Wir können das intelligenter lösen. Aktuell dürfen wir den Strom, der im Netz nicht transportiert werden kann, gar nicht erst erzeugen. Wir dürfen ihn nicht nutzen und auch nicht speichern. Das ist ein Punkt, den wir überhaupt nicht verstehen. Nutzen wir Speicher, kann Strom aus Erneuerbaren bei Bedarf ins Netz eingespeist werden und so den Strompreis senken. Aber das wird uns verboten. Die neuen Gesetze werden an diesem Irrsinn nach derzeitigem Stand auch nichts ändern.
taz: Wäre das technisch möglich?
Heidebroek: Ja, das wäre es. Das bestätigen uns auch Netzbetreiber. Sie bräuchten dafür einen neuen Prozess. Das ist also Arbeit, die gescheut wird.
taz: Speicher, die Energie bei Bedarf abgeben, würden das Stromsystem resilienter machen. Warum ist Frau Reiche dagegen?
Heidebroek: Es bedeutet einen gewissen Aufwand für die Netzbetreiber. Wenn alles so bleibt, wie jetzt vorgesehen, ist das für sie also einfacher. Wir verstehen nicht, warum Frau Reiche nicht sagt: „Ihr dürft euch neue Geschäftsmodelle überlegen, Speicher integrieren und Abnehmer direkt versorgen.“ Das wäre ja etwas, wovon eine gesamte Region profitieren würde. Es ist absolut unverständlich, warum die Ministerin hier blockiert.
taz: Gibt es Anzeichen, dass der Bundestag diese Regelung noch ändert und Speicher an Windrädern zulässt?
Heidebroek: Ich hatte noch nie so viele Gespräche mit Abgeordneten wie in den vergangenen sechs Monaten. Wir sehen, dass auch bei den Parlamentarier:innen an vielen Stellen Unverständnis über das Gesetzespaket und Offenheit für Änderungen besteht. Wir haben ja alle ein gemeinsames Ziel: Wir wollen die Energiewende und den Wirtschaftsstandort stärken. Es wird aber noch zu oft ein Gegensatz aufgemacht zwischen erneuerbaren Energien und Industrie. Den gibt es in Wahrheit nicht. Im Gegenteil: Wir können die Industrie in Deutschland nur halten, wenn wir über die Erneuerbaren intelligent mit Batteriespeichern und Flexibilitäten kostengünstigen und verlässlichen Strom erzeugen.
taz: Das Bundeswirtschaftsministerium sagt, die Stromversorgung ist nicht dazu da, den Betreibern von Windrädern zweistellige Renditen zu garantieren.
Heidebroek: Die Zeiten so hoher Renditen sind längst vorbei. Früher hat das EEG für hohe Erlöse gesorgt, wie es bei jeder Anschubfinanzierung für eine neue Technologie der Fall ist. Heute sind die Gewinnmargen gering. Ich habe aber das Gefühl, viele Politiker:innen haben gar nicht mitbekommen, was alles im Bereich der erneuerbaren Energien passiert ist, wie sehr die Preise gesunken sind. Und ehrlicherweise brauchen wir im Moment die EEG-Förderung vor allem noch für die Bank.
taz: Wieso?
Heidebroek: Wenn ein Windpark über eine Ausschreibung einen Zuschlag bekommt, garantiert das EEG einen Erlös über 20 Jahre – mittlerweile wenig Erlös, aber eben garantiert. Darauf können Banken die Finanzierung aufbauen. Wenn diese Garantie durch die neuen Gesetze ausgehebelt wird, stehen viele Projekte ohne Finanzierung der Banken da und sind nicht mehr umsetzbar.
taz: Hat die Bundesregierung die Energiebranche in die Diskussion über die Neuerungen einbezogen?
Heidebroek: Wir finden es äußerst bedauerlich, dass die Bundesregierung die Betroffenen nicht angehört hat. Bisherige Bundesregierungen haben alle Beteiligten an einen Tisch geholt und Meinungen aus der Praxis angehört, haben sie danach abgewogen und ein mehr oder weniger gutes Gesetz daraus gemacht. Aber das hat jetzt nicht stattgefunden. Das Wissen und die Bedürfnisse der Branche derart zu ignorieren, ist ein schwerer Fehler.
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