Pressemitteilung:

Heidebroek-Interview: „Ein Stop-and-go verteuert Anlagen, schwächt Lieferketten und zerstört Vertrauen“

18.08.2026

Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), Bärbel Heidebroek, spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau (16. August 2026) über die schwerwiegenden Folgen der schwarz-roten Gesetzespläne für den Windenergiesektor, die deutschen Energie- und Klimaziele und die Zukunft der Stromversorgung. Die Fragen stellte Joachim Wille.

Frankfurter Rundschau: Frau Heidebroek, Sie warnen vor einer „Reiche-Delle“ beim Ausbau der Windenergie mit der Gefahr von Firmenpleiten. Ist das nicht übertrieben?

Heidebroek: Nein. Sollten die Entwürfe von Bundeswirtschaftsministerin Reiche für die Stromgesetze unverändert beschlossen werden, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Einbruch kommen. Wir könnten eine ähnliche Entwicklung erleben wie nach 2016, als ein verändertes Ausschreibungsverfahren für Windkraft-Anlagen unter den Ministern Gabriel und Altmaier den Ausbau massiv heruntergefahren hat. Unsere Branche hat fast zehn Jahre gebraucht, um sich davon zu erholen.

Frankfurter Rundschau: Reiche weist Ihre Kritik zurück. Sie betont, bundesweit gebe es weiterhin zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Die EEG-Novelle erlaube sogar bis zu zwölf Gigawatt mehr Ausbau als bislang geplant.

Heidebroek: Theoretisch wäre ein um zwölf Gigawatt höheres Ausschreibungsvolumen möglich, und wir würden das auch sehr gerne realisieren. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Anlagen tatsächlich gebaut werden. Entscheidend sind die Investitionsbedingungen. Und da greifen die geplanten Gesetze an mehreren Stellen problematisch in bestehendes Recht ein – zum Teil sogar bei Projekten, die längst geplant und finanziert sind. Unter den vorgesehenen Bedingungen könnte der Ausbau in weiten Teilen Deutschlands tatsächlich zum Erliegen kommen.

Frankfurter Rundschau: Was sind die Knackpunkte?

Heidebroek: Besonders problematisch ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Das bedeutet: Regionen sollen bei den Stromnetzen als „kapazitätslimitiert“ ausgewiesen werden, wenn dort innerhalb eines Jahres mindestens fünf Prozent der erwarteten Stromproduktion wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Für neue Anlagen würden dann Ertragsausfälle von bis zu 20 Prozent nicht mehr vollständig entschädigt werden. Für die Banken, die die Anlagen finanzieren, heißt das, dass sie vorsorglich mit erheblichen Einnahmeausfällen rechnen müssen. Viele Projekte wären dann nicht mehr darstellbar. Wir verstehen durchaus, dass in Gebieten mit extremen Netzengpässen zeitweise kein weiterer Zubau möglich ist. Aber die Fünf-Prozent-Grenze ist willkürlich und viel zu niedrig. Niemand hat transparent modelliert, welche Flächen betroffen wären. Hinzu kommt eine mögliche Überschneidung mit den gerade erst ausgewiesenen Windenergiegebieten. Werden diese Flächen praktisch unbrauchbar, gibt es kurzfristig keine Alternativen.

Frankfurter Rundschau: Was schlagen Sie vor?

Heidebroek: Die Redispatch-Grenze müsste höher liegen, mindestens bei zehn, besser bei 15 Prozent. Dann wären nur Gebiete mit besonders starken und dauerhaften Netzengpässen betroffen. Hinzu kommt ein europarechtliches Problem: Eine Entschädigung für netzbedingte Abregelungen ist grundsätzlich vorgeschrieben. Davon darf nur in begründeten Ausnahmefällen abgewichen werden. Eine pauschale Fünf-Prozent-Grenze wird diesem Ausnahmecharakter nicht gerecht. Ein besonders windreiches Jahr oder ein niedriger Stromverbrauch infolge einer Konjunkturschwäche könnten schon dazu führen, dass eine Region als Engpassgebiet eingestuft wird. Das ist nicht verlässlich planbar. Insgesamt wäre es sinnvoller, stattdessen die Stromnetze stärker auszubauen, damit wir den Strom aus Erneuerbaren bestmöglich für Industrie und Verbraucher nutzbar machen können.

Frankfurter Rundschau: Droht der Windbranche ein ähnlicher Absturz wie der Solarindustrie vor rund 15 Jahren, durch den sogenannten Altmaier-Knick?

Heidebroek: Wenn mehrere der geplanten Regelungen zusammenkommen, besteht diese Gefahr durchaus. Neben den kapazitätslimitierten Gebieten soll es ja eine bundesweite Begrenzung der Einspeiseleistung geben. Hinzu kommen Änderungen am sogenannten Referenzertragsmodell. Diese Faktoren können bei einem Projekt gleichzeitig wirksam werden und es unwirtschaftlich machen. Fallen große Teile der Windflächen aus, müssten erst neue gesucht werden. Das würde zu einem mehrjährigen Ausbaustopp führen.

Frankfurter Rundschau: Die Folge wäre?

Heidebroek: Es hätte massive Folgen für die deutschen Energie- und Klimaziele, aber auch für Hersteller und Zulieferer. Ob sich die Branche von einem zweiten Einbruch erholen könnte, ist fraglich. Diesmal stehen chinesische Hersteller bereit, die mit staatlicher Unterstützung sehr günstige Anlagen anbieten können. Im schlimmsten Fall hätten wir mittel- und langfristig keine wettbewerbsfähigen europäischen Hersteller mehr. Das könnte zahlreiche Arbeitsplätze gefährden. Allein die Windenergie beschäftigt in Deutschland über 170.000 Menschen, im gesamten Erneuerbaren-Sektor sind über 430.000 Personen tätig.

Frankfurter Rundschau: Sehen Sie Chancen auf Änderungen der Gesetzesentwürfe im parlamentarischen Verfahren?

Heidebroek: Ja. Bereits die Energieministerkonferenz der Bundesländer hat den Redispatch-Vorbehalt einstimmig abgelehnt. Das war ein starkes Signal. Die Länder wissen, dass sie die ausgewiesenen Flächen benötigen, dass Kommunen von der Windkraft-Wertschöpfung profitieren und dass die Branche zur regionalen Wirtschaftskraft beiträgt. Das Gesetzespaket wurde offenbar mit heißer Nadel gestrickt. Dabei fiel etwa das Prinzip „Nutzen statt Abregeln“ heraus, welches besagt: Wird eine Anlage wegen eines Netzengpasses abgeregelt, sollte der Strom vor Ort gespeichert oder anderweitig genutzt werden dürfen. Eine entsprechende Regelung fehlt im aktuellen Entwurf. Das halte ich für einen massiven handwerklichen Fehler, der unter anderem sinkende Strompreise verhindern wird.

Frankfurter Rundschau: Auf wen setzen Sie – auf die SPD, aus der bereits Kritik an den Reiche-Regelungen kam, oder auf den neuen Windkraft-Freund, Bayerns Ministerpräsident Söder, der gemeinsam mit seinem baden-württembergischen Grünen-Kollegen Özdemir mehr Windkraft im Süden gefordert hat?

Heidebroek: Wir setzen auf Bundestag und Länder. Besonders wichtig ist der Bestandsschutz. Die geplante bundesweite Leistungsbegrenzung darf nicht bereits für Anlagen gelten, die vom 1. Januar 2027 an in Betrieb gehen. Diese Projekte wurden oft vor vier, fünf oder sechs Jahren begonnen und haben bereits Ausschreibungen durchlaufen. Es würde also nachträglich in bestehende Geschäftsmodelle eingegriffen. Das wäre Gift für den Investitionsstandort Deutschland. Unternehmen und Banken müssen sich darauf verlassen können, dass der Gesetzgeber die Bedingungen für längst geplante Projekte nicht nachträglich verändert. Auch insgesamt kann Deutschland es sich nicht leisten, die Energiewende abzuwürgen. Der russische Angriff auf die Ukraine und der Iran-Krieg haben gezeigt, wie gefährlich fossile Abhängigkeiten sind. Erneuerbare Energien stehen auch für Unabhängigkeit und wirtschaftliche Stabilität.

Frankfurter Rundschau: Zuletzt hat sich die Lage vieler Windkraftunternehmen verbessert. Ist die Branche nicht robuster, als Ihre Warnungen vermuten lassen?

Heidebroek: Die Unternehmen schreiben wieder schwarze Zahlen, die Auftragsbücher sind gefüllt. Gerade deshalb wäre es fatal, die Erholung nach Jahren mit Kostensteigerungen, Lieferproblemen und niedrigen Margen abzuwürgen. Die Erholung ist kein Beleg dafür, dass die Windenergiehersteller einen neuen Markteinbruch problemlos überstehen könnten. Industrieunternehmen brauchen kontinuierliche Auslastung, um Kapazitäten und qualifizierte Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Stop-and-go verteuert die Anlagen, schwächt Lieferketten und zerstört Vertrauen. Gute Auftragsbücher heute helfen wenig, wenn in zwei oder drei Jahren keine Bestellungen mehr eingehen.

Frankfurter Rundschau: Die Konkurrenz aus China wird immer stärker. Hat die europäische Windindustrie da langfristig überhaupt eine Chance?

Heidebroek: Wir brauchen vor allem faire Wettbewerbsbedingungen. Chinesische Unternehmen werden stark staatlich unterstützt und erhalten günstige Finanzierungen. Wenn es verlässliche Investitions- und Rahmenbedingungen gibt, können europäische Hersteller im Wettbewerb aber bestehen. Es geht aber auch um Sicherheit: Windenergieanlagen sind Teil der kritischen Infrastruktur. Hersteller können Betriebsdaten auslesen und Funktionen steuern. Käme ein großer Teil der Anlagen aus China, gäben wir Datenhoheit, Know-how und potenziell Eingriffsmöglichkeiten aus der Hand.

Frankfurter Rundschau: Trotzdem ist die Windkraft umstritten. Es gibt viele Bürgerinitiativen dagegen, und die AfD spricht von „Windrädern der Schande“, will sie abreißen. Hat Ihre Branche bei Akzeptanz und Beteiligung Fehler gemacht?

Heidebroek: Anders als viele glauben, ist die Akzeptanz grundsätzlich weiterhin hoch. Umfragen zeigen eine klare Mehrheit für den Ausbau der erneuerbaren Energien, gerade auch der Windkraft. Trotzdem müssen wir als Branche die Menschen stärker mitnehmen. Finanzielle Beteiligung über Zahlungen an Kommunen, Bürgerstromtarife oder direkte Beteiligungen helfen. Vielerorts wird das ja auch schon so gemacht. Entscheidend sind aber auch Transparenz und frühe Kommunikation. Wo Kommunen sichtbar profitieren und Menschen ernst genommen werden, ist die Zustimmung sehr hoch.

Frankfurter Rundschau: Sagen Sie uns: Wie viele zusätzliche Windräder braucht Deutschland noch?

Heidebroek: Die Zahl der Anlagen, derzeit rund 30.000, muss gar nicht mehr stark steigen. Entscheidend ist das Repowering: Alte Windräder werden durch moderne und erheblich leistungsfähigere Anlagen ersetzt. Dadurch lässt sich die Stromproduktion deutlich erhöhen, ohne dass die Gesamtzahl wächst. Allerdings brauchen wir eine gleichmäßigere Verteilung. Im Süden wird viel Strom verbraucht, während dort vergleichsweise wenige Anlagen stehen. Bayern hat den Ausbau durch die 10H-Regelung über Jahre faktisch blockiert. Ein stärkerer Ausbau im Süden ist sinnvoll, weil andernfalls noch mehr Leitungen gebaut werden müssen, um Windstrom aus Norddeutschland in die Verbrauchszentren zu transportieren. Deshalb begrüßen wir es, dass Herr Söder und sein Wirtschaftsminister Aiwanger inzwischen einen stärkeren Windenergieausbau unterstützen.

Frankfurter Rundschau: Letzte Frage: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Reiche bei Wind und Solar bremst und sich vor allem für Erdgas-Kraftwerke als Backup-Anlagen stark macht?

Heidebroek: Das müssten Sie Frau Reiche schon selbst fragen. Eine begrenzte Zahl flexibel einsetzbarer Gaskraftwerke kann sinnvoll sein. Aber im großen Stil auf neue Gaskraftwerke und damit auf importierte fossile Energieträger zu setzen, ist weder preisgünstig noch resilient. Es schafft neue Abhängigkeiten. Deshalb sprechen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz für heimische erneuerbare Energien.

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